Going Berserk – Leseprobe

Kapitel 1

Larkin

Absolutes Schweigen herrschte im Saal, während das erste Kräftemessen begann. Eine Prüfung des Willens.
Umgeben von Rekruten stand ich inmitten der Zeremoniehalle der Kreathar und wartete darauf, dass es Olivia erlaubt wurde zu sprechen.
Eigentlich hätten wir nicht auf Tharet landen sollen. Denn es gab für Liv als neonatale Spezialistin hier nichts zu tun.
Ich mochte keine Überraschungen. Schon gar nicht, wenn sie darin endeten, von Aliens umzingelt zu sein.
»Terraner.« Der starke Akzent verpasste dem Namen einen seltsamen Klang.
Mein Blick glitt automatisch zu dem Mann, der auf dem einzigen Stuhl im Raum saß. Ein prunkloser Thron in demselben Rotton wie der Sand, der den ganzen Planeten bedeckte. Sogar die Haut der Kreathar rangierte in Braun- und Rottönen, die kein Terraner, gleich welcher Abstammung, je besessen hatte. Die Wände, die Böden, alles eintönig und so grob verarbeitet, dass man die Alienrasse für Höhlenmenschen hätte halten können. Allerdings entdeckte ich keine Klimaanlage oder Fenster und dennoch erhellte ausreichend Licht den Saal und die Temperatur war erträglich trotz der kuscheligen zweiundvierzig Grad im Freien.
Der Kreathar auf seinem hässlichen Thron versetzte meine Instinkte in Alarmbereitschaft, obwohl er nur ein einziges Wort von sich gegeben hatte.
Er war nicht der Größte oder Muskulöseste im Saal und doch … Irgendetwas an ihm ließ meine Sinne Gefahr schreien, auch wenn seine Pose lässig und seine Mimik entspannt aussah.
Mit einem Grinsen entblößte ich meine Fangzähne, genoss es, dass meine Sinne nicht wie sonst in stumpfer Eintönigkeit ertranken.
»Kreathar«, grüßte Liv zurück und verneigte sich leicht, während ich stoisch stehen blieb und keinen der anwesenden Krieger aus den Augen ließ. Meine Finger kribbelten in Erwartung einer Auseinandersetzung. Ich hoffte gleichermaßen, es würde nicht so weit kommen, wie ich mir wünschte, endlich wieder Körperkontakt zu haben.
Ich spürte förmlich, wie es Olivia auf der Zunge brannte, entgegen dem Protokoll unaufgefordert ihre Stimme zu erheben.
Langsam und stetig wärmte sich mein Blut in Erwartung dessen, was kommen würde. Es fiel mir schwer, still zu stehen, sobald die Anspannung meine Muskeln aufwärmte.
Ich liebte diese Momente. Die, in denen ich mich lebendig fühlte, weil ich wusste, dass Blut fließen würde.
Die, in denen ich brillieren konnte wegen dem, was ich war.
»Eure Namen«, forderte der Kreathar nach einigen Minuten der Stille, die sich wesentlich länger anfühlten, als sie tatsächlich andauerten.
Ich verzog keine Miene bei dem Befehl, obwohl ich ihn als Farce empfand. Sie hätten uns niemals landen lassen, wenn sie nicht wüssten, wer und warum wir hier waren.
»Olivia Bennett und das ist Larkin.«
Niemand nannte mich beim Nachnamen meines Erzeugers. Die, die ihn überhaupt kannten, waren normalerweise nicht leichtsinnig genug, mich an ihn zu erinnern. Ich wurde vieles genannt, weniges ging als höflich durch, aber niemals bei meinem vollen Namen.
»Wer von euch ist die Ärztin?«
Sich nicht vorzustellen, war eine absichtliche Beleidigung und bewusster Bruch des Protokolls. Unsere Blicke kollidierten. Gern hätte ich ihn zum Kampf herausgefordert, allerdings hatte ich eine andere Rolle zu spielen. Eine, die vorgab, ihre Sprache nicht zu sprechen. Ewig würde dieses Schauspiel nicht standhalten, aber je länger ich es hinauszögern konnte, desto besser.
»Das bin ich«, antwortete Liv ihm, die Hände in die Hüften gestemmt.
Auf der Erde hätte diese Geste ihr wenigstens eine Verwarnung eingebracht. Aufsässigkeit wurde bestraft und ich musste mich daran erinnern, dass hier andere Regeln galten.
Regeln, die nicht konträrer hätten sein können zu dem, was man Frauen in meiner Welt von klein auf einprügelte.
Der absolute Gehorsam, der von uns verlangt wurde, bildete nicht mal die Spitze des Eisbergs.
Kreathar jedoch schätzten eines vor allem anderen. Mekthara. Balls. Cojones. Courage. Mut.
Doch der Weg zwischen Mut und Dummheit war ein schmaler Grat, umrandet von tödlichen Entscheidungen.
Ich wandte den Blick bewusst von ihm ab und studierte stattdessen seine Soldaten.
Selbst nach allem, was ich über die Kreathar gelernt hatte, machte es mich misstrauisch, Frauen und Männer gleichgestellt zu sehen. Dieselbe Körperhaltung und Kleidung, keine Trennung nach Geschlecht.
Jeder Einzelne von ihnen war muskulös und durchtrainiert. Der einzige Unterschied: der Ausdruck in ihren Augen.
Dieser Ausdruck und die Tatsache, wer meine Musterung erwiderte, zeigte mir, wer von den Anwesenden echte Erfahrung im Kampf hatte.
Der Schein mochte trügen, aber die meisten von ihnen waren mir sicherlich nicht gewachsen.
Im Gegensatz zu dem sitzenden Kreathar im Raum.
Meine Nackenhaare richteten sich auf, wenn ich ihn zu lange ansah, und ich vertraute meinen Instinkten. Meistens.
Warum hatte man uns nach Tharet gelenkt anstatt nach Krea?
Was für einen Grund hatte er, uns zu testen, nachdem bereits alles geklärt worden war?
»Besiege drei meiner Männer«, sagte er an Liv gerichtet, »und ich überlege mir, dem Wunsch der Terraner nachzukommen.«
Dem Wunsch der Terraner – ich schnaubte innerlich. Als wären Olivia und ihr Team nicht hier, um den Kreathar zu helfen, weitere Stillgeburten zu verhindern. Unser Angebot war nicht altruistisch, aber wären sie nicht verzweifelt, hätten sie es nie angenommen. Dennoch zeigten seine Worte die Einstellung der Kreathar zu deutlich.
Sie fühlten sich allem und jedem überlegen. Andernfalls stünde ihre absolute Elite hier und nicht auszubildende Jungspunde.
Falls sie uns wirklich unterschätzten, hätten sie es dann für notwendig befunden, uns umzuleiten?
Es ergab keinen Sinn.
»Wenn Ihr gestattet, Larkin ist die Kämpferin.«
Ich spürte seinen Blick auf mir, gab ihm jedoch nicht die Genugtuung, ihn anzusehen. Selbst wenn sie uns direkt auf Krea hätten landen lassen, wäre diese Konfrontation unumgänglich gewesen. Soweit ich wusste, verhandelten Kreathar nicht ohne einen Kampf, schon gar nicht, wenn der Handel nicht von ihnen ausging. Freund wie Feind wurde danach bewertet, wie er sich in einer körperlichen Auseinandersetzung verhielt. Also musste ich gewinnen, um uns den Respekt zu verdienen, bleiben zu dürfen.
»Warum sollte ich dem nachkommen?«
In Wirklichkeit wollte er herausfinden, was er als Gegenleistung bekam, mich anstatt Olivia antreten zu lassen. Abgesehen davon, dass es in seinem besten Interesse war, die Ärztin in einem Stück zu lassen.
Liv atmete tief an meiner Seite durch. Wir hatten uns auf viele Möglichkeiten vorbereitet und sie bot die naheliegendste an. »Eure Königin hat angedeutet, Ihr könntet wünschen, Verkehr mit einer Terranerin zu haben.«
»Verkehr?«
»Sex.«
»Ah.« Das Geräusch, das über seine Lippen kam, hätte ich bei einem Menschen als Amüsement interpretiert. Mir war allerdings nicht bekannt, ob Kreathar so etwas wie Humor besaßen. »Ich verzichte.«
Liv war zu klug, um sich schon zu entspannen. »Einer Eurer Krieger?«, schlug sie vor.
»Das bleibt meinen Kriegern überlassen.«
Ihre Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie.
Olivia war auf eine Weise privilegiert aufgewachsen, wie es nur wenigen Frauen auf der Erde zuteil wurde.
Manchmal benahm sie sich, als wäre es ihr gutes Recht, dass Frauen mit demselben Respekt wie Männer behandelt werden sollten. Obwohl ein öffentlich geäußerter Wunsch nach Gleichberechtigung mit dem Tod bestraft wurde.
Dass die Kreathar es anders hielten, änderte nichts daran, wie wir uns zu verhalten hatten.
Wahrscheinlich hätte es gereicht, sie an der Hand zu berühren, um sie an unseren Auftrag zu erinnern. Doch die Situation war nicht ernst genug, um eine derartig physische Verbindung zu riskieren.
»Ich werde mich nicht wie einen fleischigen Knochen unter Euren Männern herumreichen lassen«, giftete Liv, dabei hatten wir diese Möglichkeit sogar im Vorfeld besprochen. Die Angst ging wohl mit ihr durch.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit zurück auf die größte Bedrohung im Raum. Ihn, dessen Namen ich nicht kannte und der lässig, fast lasziv auf seinem Thron saß. Zu meinem Erstaunen beobachtete er mich statt Olivia. Ich mochte nicht, wie er mich anstarrte. Dass er kein Mensch war, half mir nicht beim Deuten seines Blickes.
Schließlich wandte er sich Olivia zu. »Das wird nicht notwendig sein.«
»Was wird notwendig sein?«, bohrte sie nach.
»Ich habe gefragt, warum ich deinem Wunsch nachkommen soll und nicht um sexuelle Dienstleistungen gebeten. Du kannst anfangen«, sagte er leicht angewidert in meine Richtung.
Mein Gesichtsausdruck blieb stoisch, während ich auf Livs Schein-Übersetzung wartete.
»Bist du bereit?«, wollte sie dann wissen.
Ich musterte sie. »Bist du es?« Sie schnitt eine Grimasse und nahm mir die Waffen ab, die ich ihr hinhielt. Bei diesem Kampf musste ich mein Können beweisen und sicherstellen, niemanden schwerwiegend zu verletzen oder sogar zu töten.
»Lass dich nicht umbringen.«
Ich seufzte innerlich. Liv hatte noch nie eine von uns Berserkern ernsthaft in Aktion gesehen, sonst wüsste sie, wie unbegründet ihre Sorge war. Als sie nach den Fesseln an meinen Handgelenken griff, schüttelte ich den Kopf. »Ich bin nicht hier, um zu töten.«
Liv zuckte sichtlich zusammen.
Mit ihrer Hilfe schälte ich mich aus dem hellbraunen Thermosuit, um zu zeigen, dass ich unbewaffnet war.
Ich ließ die Knöchel knacken. Wenn ich etwas zu sehr wollte, endete das nie gut für mich. Und was ich gerade über alles wollte, war eine echte Herausforderung. Ich wollte gegen ihn kämpfen. Unsere Augen trafen sich über den Raum hinweg, sobald ich mich nach vorn bewegte.
Es kribbelte mich in den Fingern, ihn zum Kampf aufzufordern, doch ich ließ mich nicht von derart törichten Gefühlen leiten.
Meistens jedenfalls.
Als der erste Kreathar auf mich zutrat, hätte ich fast geschnaubt. Man sollte einen Feind niemals nach dem Äußeren beurteilen, aber er war zu jung, um die Erfahrung zu besitzen, mich in einem fairen Kampf zu besiegen.
Anstatt auf ein Zeichen für den Kampfbeginn zu warten, griff ich an. Ich zog dem Jüngling die Beine unter dem Hintern weg und rammte seinen Kopf gegen den Boden. Drei Schläge später war er bewusstlos und ich erhob mich, meine Atmung weiterhin ruhig und gleichmäßig.
Die kurze Berührung hinterließ keinen bleibenden Eindruck.
Ich war jetzt definitiv frustrierter als vor wenigen Sekunden, während man den geschlagenen Jungen wegzerrte.
Mein nächster Gegner trat mir entgegen. Seine Augen hatten bereits den zweiten Iridenring gebildet, der die Kreathar in nahezu allen Lebenslagen zu den perfekten Jägern machte. Sei es in völliger Dunkelheit oder unter Wasser.
Er war größer als ich, schwerer und höchstwahrscheinlich auch langsamer. Meine Laune sank weiter. Für das ach so berühmte Volk der Krieger war ich enttäuscht von dem bisherigen Ergebnis.
Diesmal wartete ich darauf, dass der Kreathar mich angriff. Er nahm mich in den Schwitzkasten und würgte mich. Das Kribbeln auf meiner Haut kam zurück, begleitet von den Elektroschocks, die meine Fesseln verursachten. Mit meinem ganzen Gewicht ließ ich mich zu Boden fallen. Ich nutzte seine Überraschung und meinen Schwung, warf ihn über die Schulter und schlug ihm auf die Stelle, an der sich bei einem Menschen der Kehlkopf befunden hätte.
Es brachte ihn nicht um, aber lange genug außer Atem, bis ich ihn selbst im Würgegriff hatte. Seine Schläge steckte ich voller Genugtuung ein, während ich zusah, wie sein Gesicht dunkler wurde und einen bläulichen Schimmer bekam. Blau wie das Blut, das in seinen Adern floss.
Bevor er bewusstlos wurde, ließ ich von ihm ab. Das hier war reine Zeitverschwendung. Ungeduldig erhob ich mich und trat von dem nach Luft ringenden Kreathar zurück.
Nichts von alledem war eine Herausforderung. Wofür hatte ich die Strapazen der letzten Jahre auf mich genommen? Für zwei lächerliche Kämpfe, die nicht mal fünf Minuten angedauert hatten, und das von einer Rasse, die überall in den bekannten Galaxien gefürchtet wurde? Vermutlich könnte ich den Planeten im Alleingang übernehmen.
»Frag ihn, ob das alles ist, was er zu bieten hat«, befahl ich Liv und starrte den Kreathar auf seinem Thron an.
Olivia übersetzte, während ich alle Provokation in meinen Blick legte, die ich aufbringen konnte.
»Du willst einen echten Kampf?«, fragte er mich in seiner Sprache und ich wartete mit meiner Reaktion auf Olivias Übersetzung.
»Ja«, antwortete ich bissig.
Ehe ich blinzeln konnte, war er von seinem Thron hochgeschossen und hatte die beachtliche Distanz zwischen uns überbrückt. Sein erster Schlag wäre tödlich für mich gewesen, hätten meine Instinkte auch nur eine Sekunde zu spät eingesetzt und seinen Angriff nicht im letzten Moment geblockt. Ich kassierte meinen ersten Fausthieb direkt ins Gesicht. Blut schoss in einer Fontäne aus meiner Nase. Meinen Konter platzierte ich über einem seiner beiden Herzen. Er zuckte nicht zusammen, während sich meine Knochen anfühlten, als hätte ich auf Beton geschlagen.
Das Kribbeln auf meiner Haut hatte sich in ein Brennen verwandelt, die Schocks durch die Fesseln kamen gleichmäßig und beschleunigten meinen Herzschlag.
Wir prügelten uns wild und ungezähmt, landeten auf dem Boden und ich ließ ihn ebenso bluten, wie er mich bluten ließ. Rot mischte sich mit Mitternachtsblau auf unserer Haut.
Er riss an meinem Haar, ich biss ihn in den Hals und meine Augen rollten in den Hinterkopf, als sein Geschmack auf meiner Zunge explodierte. Kein Training der Welt hätte mich darauf vorbereiten können, dass sein Blut nicht metallisch wie meines schmeckte. Es schmeckte gut und ich wollte mehr.
Meine Zähne gruben sich tiefer in seinen Hals, ich spürte kaum die Schläge, die auf meinen ungeschützten Rippenbogen herabfuhren. Ich schluckte sein Blut, als wäre es die erste Nahrung seit Wochen, der erste Tropfen Flüssigkeit nach Monaten in der Wüste. Ich vergaß, dass ich kämpfen sollte. Dass ich ein Ziel zu verfolgen hatte. Selbst der ansteigende Schmerz der Elektroschocks brachte mich nicht zur Vernunft.
Als er mich von sich wegstieß, riss ich ihm ein Stück Fleisch aus dem Nacken und ehe ich mich bremsen konnte, hatte ich es heruntergeschlungen.
Mein Atem ging viel zu schwer für den kurzen Kampf. Ich hechelte wie ein Hund in der Sonne und leckte mir die Lippen, um mir jeden Tropfen seines Geschmacks einzuverleiben.
Wir umkreisten uns wie wilde Tiere, bis sich mein Kopf endlich weit genug klärte, um mich halbwegs zu Verstand zu bringen.
Die Wunde, die ich ihm gerissen hatte, färbte sein Hemd blau. Ich musste mich zwingen, den Blick abzuwenden, sonst hätte ich mich erneut auf ihn gestürzt.
Stattdessen sah ich ihm in die Augen, die ich jetzt aus nächster Nähe betrachten konnte. Seine zwei Iridenringe waren unterschiedlich gefärbt, wobei der verbreiterte rote Ring den hellbraunen zu einem schmalen Streifen um die Pupille verbannt hatte. Ich bezweifelte, dass das etwas Gutes bedeutete.
Mein neu erwachter Durst nach Blut überwältigte mich und ich sprang den Kreathar frontal an. Er fing mich auf und ging, mit mir rittlings auf ihm, zu Boden.
Plötzlich lag ich unter dem Kreathar, die Arme rechts und links von mir fixiert. Erschrocken bemerkte ich, dass ich ihn selbst in meinem Wahn noch verletzt hatte. Je klarer mein Kopf wurde, desto stärker spürte ich die Schocks, die durch meinen Körper rasten.
Unser beider Atem rauschte im Gleichklang aus unseren Lungen und machte den Moment seltsam intim.
Diese Intimität war es auch, die mich wachrüttelte und mich dazu brachte, ihn von mir zu stoßen. Wir erhoben uns und ich verbeugte mich tief, um seinen Sieg zu verdeutlichen, wie es der Brauch der Kreathar war. Zu sehr war ich mit mir selbst beschäftigt, um mich über die Schmach zu ärgern. Vielleicht waren die Schocks meiner Fesseln zu schwach eingestellt und deswegen drehte mein Körper gerade durch. Mein Herzklopfen schien plötzlich nichts mehr mit dem Kampf zu tun zu haben.
»Larkin?«, sprach Olivia mich an und es kostete mich Überwindung, den Blickkontakt mit dem Kreathar zu beenden.
Ihre Augen weiteten sich, sobald sie mein Gesicht sah. Mit dem Handrücken wischte ich mir über den Mund. Wie ich gerade aussah, konnte ich nur raten. Schlagartig wurde mir bewusst, dass mein Verlieren Folgen hatte.
Ich hätte gewinnen müssen, um uns den Respekt zu verdienen, der ein offenes Gespräch mit den Kreathar überhaupt erst möglich machte, damit sie uns nach Krea ließen.
Wie hatte ich mich so gehen lassen können?
Die Schultern straffend, ging ich zu meinen Sachen und ignorierte das winzige Tuch, das Olivia mir hinhielt, um mich abzuwischen. Die Blessuren pulsierten, zwickten und stachen bei jeder Bewegung. Normalerweise hätte mir ein solches Ergebnis zumindest die Genugtuung verschafft zu fühlen. Doch dieses Mal fühlte ich mich seltsam abgestumpft und genoss den Schmerz nicht wie sonst.
Olivia sah mir schweigend zu, wie ich mich in den Thermoanzug mühte und meine Waffen befestigte.
Jetzt blieb nur noch eines zu tun: dafür zu sorgen, dass Olivia sicher zurück zum Schiff kam.
Ein letztes Mal drehte ich mich zu dem Kreathar um, verneigte mich und brachte ihm mit einem gespielten Akzent in seiner Sprache meine Ehrerbietung dar: »Nikra’terraht.« ›Danke für die Ehre des Kampfes.‹
»Terraht no kre.« ›Und Ehre mit dir.‹
Hoffentlich meinte er seine Worte ehrlich. Denn wir hatten jegliche Garantie auf Schutz mit meinem Verlieren verwirkt. Sollte er jedoch Ehre in meinem Kampf gesehen haben, in meinem Wahn, gaben sie uns vielleicht einen Vorsprung, den Planeten lebend zu verlassen.
Olivia ratterte Abschiedsfloskeln herunter, als ich sah, wie ein paar der Kreathar nach Waffen griffen.
Ich verlor keine Zeit, stieß Olivia Richtung Tür und warf eine Blendgranate in den Raum. Alle meine Sinne in höchster Alarmbereitschaft rannten ich mit Olivia nach draußen. Kaum hatten sich die Türen hinter uns geschlossen, platzierte ich eine Sprengkapsel daran, die bei Erschütterung hochgehen würde. Das sollte uns Zeit verschaffen. Draußen, in der gleißenden Sonne des Tages, griff ich nach den beiden Kurzstäben an meiner Hüfte und verband die Metallstangen in wenigen Handgriffen miteinander.
»Lauf«, befahl ich Liv. Für den ersten Kilometer hielt ich mit ihr mit, dann blieb ich stehen und drehte mich um. Olivia kam zurück, als sie bemerkte, dass ich ihr nicht mehr folgte.
»Lauf weiter, Liv. Mach die Kapsel startklar.«
Ihr Gesicht erblasste sichtlich, ihr Blick wanderte nervös zum Gebäude der Kreathar. »Soll ich dir die Fesseln abnehmen?«
Ich dachte kurz darüber nach und nickte schließlich. Der Waffenstillstand war beendet. Musste ich jetzt kämpfen, ging es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Zu zögern konnte ich mir nicht leisten.
Livs Hände zitterten, während sie den Mechanismus an meinen Fesseln löste, schaffte es aber, keinen Hautkontakt mit mir herzustellen. »Pass auf dich auf«, bat sie mich, bevor sie sich einen Ruck gab und weiterlief.
Ich stellte mich breitbeinig hin, meine Füße gruben sich leicht in den roten Sand, während ich die Handgelenke aufwärmte und meine Stabwaffe in Kreisen um mich herum schwang. So wartete ich auf die Kreathar. Ihnen direkt zu begegnen, war besser, als mich jagen zu lassen. Außerdem verschaffte ich Liv so Zeit, um im schlimmsten Fall ohne mich zu fliehen.
Das vergossene Blut auf meinen Fäusten begann, unter der gleißenden Sonne Tharets zu trocknen, und bekam Risse.
Es dauerte nicht lange, bis ich die ersten Bewegungen am Horizont entdeckte. In Vorbereitung auf den Kampf schloss ich die Augen und atmete durch.
Während ein Mensch jetzt nach seinem inneren Ruhepol gesucht hätte, suchte ich nach meiner Wut. Nicht dass ich lange hätte suchen müssen, denn sie brodelte immer direkt unter der Oberfläche. Ich hatte Jahre damit verschwendet, meine Wut in etwas anderes zu verwandeln, etwas Besseres, bis ich endlich eingesehen hatte, dass es nur einen Weg für mich gab. Die Wut zu zähmen, zu bändigen und genau dann freizulassen, wenn sie mir am nützlichsten war.
Denn es war diese Wut in mir, die mich zu einem Berserker machte.
Als ich die Augen wieder öffnete, lächelte ich.
Anstatt auf den Feind zu warten, drückte ich die Füße fester in den roten Sand und sprintete ihnen entgegen.
Die ersten zwei schoss ich mit einem Energiestoß aus meiner Stabwaffe nieder. Das würde sie nicht töten, bloß außer Gefecht setzen. Ich wollte schließlich keinen Krieg anzetteln.
Der Dritte hatte eine Art Säbel in der Hand, als er mich angriff. Ich zog meinen Stab auseinander und gab die Titan-Klinge frei, die sich darin verbarg. Hand samt Säbel des Kreathar landeten blutig im Sand, bevor ich ihn bewusstlos schlug.
Die meisten von ihnen wirkten so jung und unerfahren, dass ich es nicht über mich brachte, sie einfach zu töten.
Irgendwann hörte ich auf zu zählen. Je mehr Blut floss, ihres und meines, desto weniger Rücksicht nahm ich, desto wilder wurde ich. Ungebremst und in einer Art Trance metzelte ich mich durch die Kreathar, bis sich der rote Sand zu meinen Füßen mit blauem Blut vollsog.
Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als der Kommunikator in meinem Innenohr losging.
»Larkin?«, ertönte Livs Stimme.
Ich antwortete nicht, zu sehr darauf konzentriert, am Leben zu bleiben und keinen einzigen der Kreathar vorbeizulassen. Sie hatten gemerkt, dass ein Kampf mit mir die Mühe nicht wert war, und versuchten, an mir vorbeizukommen. Ihnen nachzulaufen, war nicht mein Stil. Sie am Leben zu lassen, auch nicht.
»Okay. Okay.« Olivia rang hörbar um Fassung. »Die Kapsel ist einsatzbereit und startklar. Schaffst du es herzukommen oder brauchst du Unterstützung?«
Anstatt mit ihr zu diskutieren, gab ich ein grunzendes Geräusch von mir und brach meine eigens aufgestellten Regeln. Ich tackelte einen Kreathar von hinten zu Boden und hatte mich längst wieder aufgerappelt, um weiterzulaufen, ehe er es konnte.
Sobald die Kapsel in Sichtweite kam, verfluchte ich den sandigen Boden unter meinen Füßen umso mehr. Egal wie gut mein Training gewesen war, Sand, erhöhte Gravitation, blutende Wunden und die Hitze ließen die Distanz schier endlos erscheinen.
Plötzlich wurde ich zu Boden geworfen, nur wenige hundert Meter von meinem Ziel entfernt, und etwas Hartes traf mich am Hinterkopf. Ich wurde nicht gleich bewusstlos, doch die Reste meiner Vernunft verpufften.
Ein Schrei ertönte, während ich meinem Angreifer den Arm brach, ihn drehte und daran riss, bis sich das Gewebe löste, als wäre er eine Puppe und kein Wesen aus Knochen, Fleisch, Muskeln und Blut. Ob es der Schrei meines Opfers oder jemand anderes war, nahm ich nicht mehr wahr.
Alles, was ich sah, war das blaue Blut vor meinen Augen, auf meinen Händen, meiner Haut und in meinem Haar.
Erst viel später wurde mir klar, dass es Olivia gewesen war, die geschrien hatte.
Denn zum zweiten Mal an diesem Tag hatte ich versagt.

 

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Veröffentlichung: 11.12.2020