Me, myself and metoo

Ich bin keine Bloggerin und der Gedanke diesen Beitrag zu schreiben, hat mir extrem viel abverlangt. Das war allerdings dann auch einer der Gründe, warum ich ihn trotzdem geschrieben habe.
Weil es wichtig ist, weil es schwierig ist und vielleicht auch ein bisschen, weil es mir hilft.
Es geht um sexuelle Belästigung, es geht um #metoo, um consent und Selbstbestimmung.
Das hier wird lang, es wird möglicherweise konfus, es wird niemals alle Aspekte dieses Themas erfassen können und es liegt mir fern zu predigen.
Das hier ist eine Meinung.
Es ist meine Meinung.

Eine selbstbewusste Frau, eine die gelernt hat, dass ihre Meinung in Ordnung ist und sie zu vertreten völlig normal, wird auf dieses Thema anders reagieren als eine, die all das nicht hat.

Ich wurde mehr als einmal in meinem Leben sexuell belästigt. Einmal davon im Arbeitsumfeld. Ich habe mich damals getraut zu meinem Chef zu gehen und mich dabei gefühlt wie das Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank. Mein Gefühl sagte mir, dass das was passiert war nicht okay war. Mein Kopf sagte mir, dass ich überreagiere. Die Worte sexuelle Belästigung haben Gewicht. Sie auszusprechen habe ich fast nicht geschafft. Ich habe mich gerechtfertigt, es relativiert und darum gebeten mit der betreffenden Person nicht mehr im selben Raum sein zu müssen, wenn es sich vermeiden lässt.

Ich habe mich dabei kindisch und dumm gefühlt, mich regelrecht geschämt, als würde ich etwas Falsches tun.
Auf mein Bauchgefühl war kein Verlass.
Meine eigenen Grenzen zu kennen war nie mein Problem, sie selbst zu respektieren und diesen Respekt von anderen einzufordern schon.
Bin ich eine selbstbewusste Frau? Ich kann es sein. Manchmal bin ich es und es gibt Situationen in denen bin ich es eben nicht.

Die Schwierigkeit besteht für mich darin, dass es von außen, der Gesellschaft, oder sonst wem, oft nur ein entweder/oder gibt. Die Erwartungshaltung(en) von außen, sind die, die mich belasten. Es sind die, die ich niemals alle erfüllen kann. Es sind die, die mir eigentlich egal sein sollten und es nicht sind.

Worauf will ich hinaus? Es gibt Frauen, denen ist dasselbe passiert wie mir. Es gibt Frauen denen ist weitaus schlimmeres passiert und es gibt Frauen, denen ist so etwas nicht passiert. Manchen von ihnen ist vielleicht etwas passiert aber in ihrer Wahrnehmung war es anders. Egal zu welcher ‚Kategorie‘ man gehört. Niemand, absolut niemand hat das Recht über uns zu urteilen.
Wie wir mit einer Situation umgehen, oder wann wir das tun, darüber hat niemand zu urteilen. Es hat niemand zu VERurteilen.
Am Ende sitzen wir alle im selben Boot und es bringt niemandem etwas, wenn wir uns gegenseitig mit den Paddeln die Köpfe einschlagen, weil wir nicht einer Meinung sind.

Es gibt Stimmen die finden #metoo geht in die falsche Richtung und dass aus Mücken Elefanten gemacht werden, aus Elefanten Mücken. Wer hat das Recht darüber zu bestimmen, ob eine Frau überreagiert? Auch im 21. Jahrhundert muss sich eine Frau noch dafür rechtfertigen, wenn sie vor 30 Jahren vergewaltigt worden ist und es ‚erst jetzt‘ zur Sprache bringt. Frei nach dem Motto: jetzt kannst dus ruhig für dich behalten, das bringt doch überhaupt nichts mehr.
Hättest du es mal früher erzählt, aber jetzt bläst du damit nur Staub auf.

Da werden Dinge an die Wahrheit gezerrt, die keiner hören will, Dinge die man nicht sehen und wahrhaben will.

Dafür liebe ich #metoo, ob andere Personen egal ob Männer oder Frauen, das nun für in Ordnung befinden, oder gänzlich Falsch ist für mich dabei unerheblich.

Was mich tatsächlich am Meisten aufregt, sind die Verurteilungen anderer. Jede Frau (Ausnahmen bestätigen die Regel bitte steinigt mich nicht für diese Verallgemeinerung, ersetzt Jede mit Viele oder die Meisten, ich suche dazu jetzt keine Statistiken heraus, um diesem subjektiven und sehr persönlichen Eindruck mehr Aussagekraft zu verleihen) kämpft nach einem Übergriff mit Schuldgefühlen. Sie hat Angst davor, von anderen verurteilt zu werden und die Schuld für etwas in die Schuhe geschoben zu bekommen, für das sie nichts kann.

Egal ob victim blaming tatsächlich stattfindet oder nicht, die Angst davor ist da. Darüber zu reden was einem passiert ist, ist ein Kraftakt.

Niemand sollte sich das Recht herausnehmen einem in dieser Hinsicht zu sagen ob oder wann es okay ist etwas zu sagen. Das ist eine persönliche Entscheidung, von der ich aus tiefstem Herzen glaube, dass sie nicht leichtfertig getroffen wird.

Einem Teil von mir wird schlecht, wenn ich zu hören bekomme, dass jetzt die Männer für Dinge vorverurteilt werden die nicht bewiesen sind. Auch das ist nicht okay. Nur, dass mein persönliches Hauptaugenmerk nicht auf den Männern liegt, sondern auf den Frauen. Das muss man nicht okay finden, es ist aber eine Tatsache.

Männern wird sicher noch weniger geglaubt, dass sie sexuell belästigt werden als Frauen. Da wird ein Stigma mit dem nächsten totgeprügelt. Aber wer glaubt, dass sich jemand extra die Mühe macht zur Polizei zu gehen, eine Anzeige zu erstellen, zu lügen und einen Prozess in Gang zu setzen, der vor Gericht landet, nur um einem Kerl etwas auszuwischen, der hat den Glauben an die Menschheit verloren.

‚Da werden Existenzen zerstört.‘

Ja, sowohl die des Opfers, als auch die des Täters. Also hören wir auf mit Steinen zu werfen. Wir brauchen keine Hexenverbrennungen in der #metoo Debatte, aber die Debatte soll/darf und muss es auch geben.

Männer trauen sich plötzlich nicht mehr allein mit einer Frau in den Fahrstuhl, weil sie ja verklagt werden könnten. Sie lernen eine Form der Angst kennen, die uns Frauen förmlich von Geburt an eingeimpft wird, weil wir das ‚schwächere‘ Geschlecht sind. Ist das okay? Nein.

Sollten sich Männer Gedanken über ihr eigenes Verhalten im Umgang mit Frauen machen? Ja, bitte.

Sollten Frauen deswegen wieder den Mund halten und sich nicht trauen überhaupt etwas zu sagen? Nein!

Sollten sie lernen für sich selbst einzustehen und den Respekt ihrer eigenen Grenzen einzufordern? Ja, bitte.

Zu viele Frauen schweigen tagtäglich über Dinge die normal geworden sind, obwohl sie es nicht sein sollten. Keine Frau sollte sich jemals dafür schämen müssen, wenn sie ihre Rechte einfordert. Die Diskussion darüber was ‚normal‘ ist, ist notwendig und ein Schritt in die richtige Richtung.

Es gibt keine einfache Antwort auf die Debatte. Aber macht die Debatte nicht mundtot.

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