Das Lektorat, und warum es weh tut.

Ein Buch zu schreiben ist wie durch ein Schlachtfeld zu laufen.

Du beginnst, je nach Vorerfahrung, mit Jeans, festen Schuhen und einer Kuchengabel.
Dann rennst du los.
Bomben knallen laut genug, um deine Knochen zu erschüttern, Kugeln fliegen dir um die Ohren, Leute brüllen Befehle, die anderen schreien vor Schmerzen.
Gmiatlich, wie man so schön sagt.

Eine der Kugeln streift dich, aber du bemerkst es erst zehn Minuten später, Schock sei Dank. Als du es bemerkst, versorgst du die Wunde so gut du kannst und rennst weiter.
Irgendwo verlierst du deine Kuchengabel und fragst dich, warum du sie überhaupt mitgenommen hast (frag ich mich schon die ganze Zeit). Also tauscht du sie gegen ein Sturmgewehr.
Menschen sterben, Blut fließt, Knochen brechen. Es wird hässlich. Oder lustig, je nachdem worauf du stehst – no judging.
Bis du es schließlich auf die andere Seite schaffst.

Der Kampf ist beendet, deine Seite hat gewonnen und das Allerwichtigste: Du hast überlebt.

Da stehst du also, glücklich noch am Leben zu sein, total erleichtert, dass du noch alle Gliedmaßen hast und möchtest deine Freude in die Welt schreien.
Schweiß, Blut, Tränen und Schmerz liegen hinter dir und du willst einfach nur nach Hause.
Ja, aber irgendwer sollte die Leichen identifizieren und abgetrennte Körperteile aufsammeln, oder? Das ist wohl das Mindeste an Respekt, dass du deinen Kameraden schuldest.
Schweren Herzens drehst du dich also um, gehst zurück und watest durch die Schreckensmomente der letzten Monate.
Bis du dir denkst, jetzt reicht es: Ich hab alles getan, was ich konnte.
Und dann stellt sich dir jemand in den Weg.
Dein Lektor.
Nicht Hannibal.
Darf auch eine Lektorin sein, oder Hannibalina.

So, und Hannibalina guckt dich so an, wie du da stehst, ohne Schuhe, ohne Kuchengabel, blutig, ramponiert, mit einem traurig-glücklichen Lächeln im Gesicht und zeigt auf dein rechtes Bein.
Und du denkst dir: Alte, was willst du eigentlich von mir? Hast du nicht gemerkt, dass ich vom Schlachtfeld komme? Ich hab die Hölle hinter mir! Verstehst du nicht, worum es hier eigentlich geht?

Eine gute Lektorin würde sagen: Eh, aber du könntest besser laufen, wenn dein Bein in die richtige Richtung schauen würde.
Ein schlechter Lektor (oder Schlächter-Lektor, aka Hannibal – haha), bzw. eine schlechte Lektorin würde sowas sagen wie: Spinnst du? Dein Bein ist falsch rum angenäht, was hast du dir dabei gedacht? Das ist ja grauslich anzusehen und überhaupt, wie kommt man auf so eine Idee? Hast du das nicht selbst bemerkt?

Du guckst runter, auf dein Bein, dass du auf dem Schlachtfeld verloren hattest und dass du dir selbst unter Zeitdruck wieder angenäht hast (und von dem du nicht sicher bist, ob es überhaupt deins ist, weil es dir 0,5cm zu kurz vorkommt).
Möglicherweise denkst du dir: Ja, aber immerhin hab ich noch mein Bein! Und ich kann aufrecht stehen und vielleicht ist gehen etwas komplizierter, als es sein sollte, aber es ist machbar!
Vielleicht kapierst du aber auch, dass man das Bein abnehmen und richtig herum befestigen sollte – wegen der leisen Stimme der Vernunft, namens Hannibalina.

Also legst du dich hin und schneidest die eitrige, kaum verheilte Wunde wieder auf, drehst das Beinchen und nähst es wieder an. Diesmal sogar mit ein paar Nervenenden, als dir klar wird, dass es leiwand ist seine Zehen zu spüren.
Aber Himmel Herr Gott noch eins, das tut verdammt weh. Denn es gibt keine Schmerzmittel.
Gut zureden ist ja schön und gut (die Wortwiederholung dürft ihr behalten), aber hilft nicht wirklich gegen diese Qual.

Dann ist das Bein gerichtet, du sackst erleichtert zusammen und denkst dir, aber jetzt! Jetzt kann ich nach Hause.

Pustekuchen!

Da steckt noch eine Kugel in deiner Schulter, Granatsplitter in deinem Po und ungefähr 20-500 kleinere Kratzer, blaue Flecken und vielleicht sogar noch eine gebrochene Rippe.
Zwischendurch geht einer an dir vorbei, der Blut spuckt, röchelt, als wäre seine Lunge ein Schweizerkäse und von dem du dir denkst, dass er es wohl nicht mehr lange macht. Ein anderer kriecht auf seinen Armen an dir vorbei und – hey, der hat gar keine Beine mehr!
Einer rennt vielleicht im gestreckten Galopp mit einem gebrochenem Arm an dir vorbei – muss ja nicht immer die Füße erwischen.

Du beschließt dich auf deine eigenen Probleme zu konzentrieren, damit du lebend heim kommst und man dir keinen Katheter legen muss, weil ihhh.
Zum Schluss hilft dir Hannibalina aus dem Dreck aufzustehen, ihr schüttelt die Hände, du bist immer noch froh am Leben zu sein und es ist ein echt geiles Gefühl ein Bein zu haben, dass gerade herum dran ist.
Du weißt Dinge zu schätzen, die du vorher nicht wahrgenommen hast und darfst endlich heim!

Kurze Zeit später bringst du dein Baby auf die Welt.
Glückwunsch!
Es ist ein Buch.

Nochmal ernster: Es tut immer weh, auf Fehler oder Schwächen hingewiesen zu werden.
Je nachdem wie gravierend zum Beispiel eine Plot-Lücke ist, desto schlimmer fühlt es sich an.
Das ist normal.
Wichtig ist, was du daraus machst.
Suhlst du dich in deinem Leid und wie böse/unfähig deine Lektorin ist? Redest du dir ein, dass es gar nicht so schlimm ist, wie es aussieht?
Oder krempelst du die Ärmel hoch und ziehst dir den zehn Zentimeter Dorn aus der Hüfte?

Eine gute Lektorin kritisiert nicht deinen Stil, sie zeigt dir Dinge, die deinen Stil verbessern können, wenn du es willst und zulässt.

Das heißt nicht, dass man jeden Ratschlag annehmen muss. Aber man sollte sich halt fragen, ob es um einen eingewachsenen Fingernagel geht, oder um eine punktierte Lunge von der gebrochenen Rippe, die du bisher ignoriert hast.
Und wenn du oft genug durchs Schlachtfeld gelaufen bist, kommst du irgendwann von Anfang an mit einer besseren Ausrüstung daher, als einer Kuchengabel.
Und verlierst vielleicht kein Bein, sondern nur einen Zeh.

Du darfst auch ohne Bein stolz auf dich sein, viele schaffen es gar nicht auf die andere Seite des Schlachtfelds, oder haben es nie betreten.
Du musst auch nicht weniger stolz sein, nur weil du dir helfen lässt, deine Wunden adäquat zu versorgen.

P.S.: Das Korrektorat ist der Verbandskasten, nicht der Sanitäter der deine Wunden reinigt, bevor er sie zunäht.
P.P.S: Pia, Lillith – ich liebe euch. Danke, dass ihr meine Hannibalinas seid <3

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