Meine innere Kritikerin, und wie ich sie zum Schweigen bringe.

Seit ungefähr 30 Tagen stecke ich alle meine Energie in mein nächstes Buch.
Man könnte auch sagen, ich hab Scheuklappen aufgesetzt und ignoriere den belastenden Rest.

Aber seit ungefähr einer Woche reicht das nicht mehr. Es reicht nicht, dass ich 8-10 Stunden am Tag vor dem Laptop sitze und übersetze. Es reicht nicht, dass ich jeden Tag Yoga mache, obwohl ich einer der unsportlichsten Menschen aller Zeiten bin. Der Putzfimmel war da und ist wieder gegangen, trotzdem ist das Haus nach wie vor relativ aufgeräumt und sauber. Vor allem im Vergleich dazu wie es hier aussieht, wenn ich Vollzeit arbeiten gehe.

Ist das genug? Nein.

Die innere Kritikerin hat sich heimlich und erstaunlich leise eingeschlichen. Hat dafür gesorgt, dass ich in den letzten 7 Tagen Social Media Posts für die nächsten 3 Wochen geplant habe, mir die Zeit genommen habe, über meine Strategie nachzudenken und sie auch tatsächlich zu überarbeiten – schriftlich. Ich habe meine Website von Grund auf erneuert, nachdem ich sie 1 Jahr lang sträflich vernachlässigt habe. Das ging sogar so weit, dass ich über meinen eigenen Schatten gesprungen bin und Selfies gemacht habe – urgh! Ich hab sogar schon positives Feedback zu beidem bekommen.

Man könnte sagen, ich prokrastiniere äußerst produktiv und ich hätte ausreichend Gründe, zufrieden mit mir zu sein. Aber bin ich das? Nein!

Denn wie eine Sport-Kommentatorin, sitzt auf meiner Schulter die Kritikerin und brüllt mir ins Ohr: Du bist nicht gut genug. Du bist nicht mal halb so witzig, wie du glaubst. Deine Ideen taugen nichts. Du musst mehr leisten, mehr machen, mehr sein!

In Dauerschleife.

Ich habe mich den ganzen Tag lang schlecht (weil scheiße sagt man nicht) gefühlt, ich war grantig, genervt und ich hatte nichts mehr, mit dem ich mich selbst foltern/beschäftigen konnte. Außer meinem Buch, aber das wollte ich da schon nicht mehr anschauen, denn da läuft die innere Kritikerin zu Höchstleistungen auf und an diesem Punkt hielt ich noch mehr Selbstzweifel einfach nicht aus.

Erst Abends im Bett habe ich das gemacht, was ich längst hätte tun sollen. Was ich vor einem 3/4 Jahr noch täglich gemacht habe, damit die kritische Kuh endlich aufhört zu blöken. Meditiert. Und ich weiß, das klingt jetzt so nach Geschwurbel mit der Macht der Einbildungskraft bla bla. Es lief auch keine orientalische Beruhigungsmusik im Hintergrund.

Ich hab meine Meditations-App aktiviert, meine Kopfhörer eingestöpselt und mir wie in einer Mini-Therapie Sitzung Fragen angehört, deren Antwort mir noch vor zwei Minuten ins Ohr geschrien wurde (aka ‚Du bist nicht gut genug‘). Ich habe tief durch die Nase eingeatmet, bis drei gezählt und langsam durch den Mund wieder ausgeatmet. Zehn Minuten später habe ich der netten Dame aus der App nicht mehr zugehört. Nicht weil das was sie gesagt hat nicht gut und richtig war, sondern weil ich mich an meinen eigenen Coping-Mechanismus erinnert habe, wenn mich die Kritikerin regelrecht auffrisst.

Vor einem 3/4 Jahr hatte ich eine A4 Seite voll mit Dingen, an die ich mich selbst täglich erinnern wollte.
Dinge wie: Ich bin gut genug! Genau so wie ich bin.
Ich bin kein schlechter Mensch, wenn ich meine eigenen Grenzen respektiere.
Schenk dir selbst ein Lächeln!

Die Liste war lang und ich habe sie mir jeden Morgen laut aufgesagt. Nicht einfach nur heruntergebetet. Sondern mit Gefühl dahinter und wenn das am Anfang Wut war, dann hab ich es so lange wütend gesagt, bis das was darunter lag zum Vorschein kam. Manchmal hat das bedeutet, dass ich Tränen verdrückt hab. Manchmal hab ich auch geheult wie ein Schlosshund. Aber danach bin ich immer mit einem guten Gefühl und meistens mit einem breiten Lächeln in den Tag gestartet.

Daran habe ich mich gestern Abend erinnert und dann hab ich mein inneres Kind in den Arm genommen und getröstet. Denn das ist die innere Kritikerin. Sie ist das Kind in dir, das Angst hat und versucht es irgendwie zu bewältigen.

Solltest du an diesem Punkt gelacht haben, stellt dir doch mal folgendes vor: Dein jüngeres Ich. So wie du als Kind eben ausgesehen hast und warst.
In meinem Fall war das strohblond, ein wandelnder Meter Emotionen und ich finde ja, ich war ziemlich niedlich, als ich klein war.

Was haben alle Kinder gemeinsam? Sie sind unschuldig.
Kein anständiger Mensch würde jemals wollen, dass einem Kind Leid widerfährt.

Und jetzt stell dir vor, dein unschuldiges Kind-Ich weint, bitterlich, oder schreit wie am Spieß, oder versteckt sich unter dem Bett.
Was macht man als Erwachsener da, selbst mit dem Einfühlungsvermögen einer Erbse? Man tröstet das Kind.
Auf die Art, die einem in dem Moment logisch erscheint. Man redet sanft auf das Kind ein, trocknet die Tränen, umarmt es, sagt ihm, dass es geliebt wird und wenn das Schlimmste überstanden ist, kriegt es vielleicht noch Schokolade.

Genau das habe ich mir gestern Nacht vorgestellt und weil dieses Kind ich war, habe ich mich damit unweigerlich selbst beruhigt und getröstet. Mir selbst versichern können, dass ich mein Bestes gebe und dass das Beste gut genug ist. Ich habe mir all die positiven Dinge gesagt, die ich von anderen hören will, aber die größte Wirkung haben, wenn sie von innen und mir selbst kommen.

Wenn du also das nächste Mal das Gefühl hat, dass dir die Welt um die Ohren fliegt und du aus deinem negativen Gedankenkarussell nicht aussteigen kannst, denk an dein 5-jähriges Kind-Ich und sei lieb zu ihm.
Denn du hast genauso verdient, dass man dich gut behandelt, wie ein unschuldiges Kind.

Sei lieb zu dir.
Sei nachsichtig mit dir.
Kümmere dich um dich!
Das ist okay. Immer.
Egal was um dich herum passiert.
Denn dein Wohlergehen ist wichtig.

Du bist wichtig!

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